
Jüdisches Leben im Nürnberger Stadtteil Gostenhof
| Beitrag vom 28. Januar 2026
Der Moment, in dem ein lange behütetes Buchprojekt seinen Abschluss findet und hunderte frisch gedruckter Exemplare ihren Weg in unsere Geschäftsräume finden, ist immer ein ganz besonderer. Das gilt umso mehr für Projekte, die man nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen begleitet hat. Eines dieser Projekte ist „Jüdisches Leben in Gostenhof“. Aus einem Stadtteilrundgang, der seit 2022 im öffentlichen Programm läuft, ist dank vieler engagierter Besucherinnen und Sponsoren nun ein Buch geworden, das dazu einlädt, einen der bekanntesten und beliebtesten Nürnberger Stadtteile mal ganz anders zu lesen.
Dass sich in einem alten Quartier wie Gostenhof viele große Linien der Stadtgeschichte verdichten, kann man sich bei einem Spaziergang durch den ehemaligen Vorort gut vorstellen. Immerhin liegt Gostenhof direkt vor den Toren der ehemaligen Reichsstadt und beherbergt mehrere bedeutende kulturhistorische Relikte, darunter zum Beispiel den jahrhundertealten Rochusfriedhof. Weniger offensichtlich ist, dass Gostenhof noch vor einhundert Jahren Lebensmittelpunkt und Heimat vieler Nürnberger Jüdinnen und Juden war. Nur vereinzelt lassen sich ihre Spuren auf den Straßen, Plätzen und Hausfassaden des Stadtteils heute noch finden.
Auf der Basis von persönlichen Erinnerungen, Sekundärliteratur und archivalischen Quellen zeichnet „Vergessene Nachbarn“ die Geschichte Gostenhofs seit der Verdrängung der jüdischen Gemeinde aus Nürnberg im Spätmittelalter nach. Kurzporträts spannender Persönlichkeiten – wie der Bibliothekarin Ida Herz, die in Gostenhof eine bedeutende Thomas-Mann-Sammlung aufbaute – ergänzen die übergeordneten Themen des Buches (Alltags-, Kultur- und Gemeindeleben, Migration, Bildung, soziale Netzwerke). Sie zeigen, wie eng die individuellen Lebenswege mit den großen historischen Entwicklungslinien verwoben waren.
Ein zentraler Teil des Buches widmet sich der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik. Entrechtung, Enteignung, Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Nürnbergs zerstörten auch in Gostenhof die gewachsenen nachbarschaftlichen Strukturen. Was nach 1945 blieb, waren Leerräume im Stadtbild, in Familiengeschichten und im kollektiven Gedächtnis; Leerräume, die ein Buch nicht schließen, aber durch die Auseinandersetzung mit Geschichte vielleicht ein kleines Stückchen füllen kann.
Das Buch, das von der Gostenhofer Grafikdesignerin Inge Klier liebevoll gestaltet wurde, ist ab sofort als Hardcover über den Sandbergverlag erhältlich und kostet 24,80 Euro.

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