
Ein rätselhafter Code?
| Beitrag vom 24. August 2026
Mit ihren knapp vier Kilometern Länge gehört die Nürnberger Stadtmauer zu den längsten erhaltenen Wehranlagen in Europa. Wer an ihr entlangspaziert, trifft in unregelmäßigen Abständen auf Tore und Türme, die die mittelalterliche Stadt ursprünglich vor Eindringlingen und Feinden schützen sollten. Fast alle der 72 erhaltenen Wehrtürme stehen seit Jahrhunderten an derselben Stelle und tragen durch Sonne, Wind und Regen eine lebendige Patina, die schon auf den ersten Blick Geschichte atmet.
Sonderling in ehrwürdiger Gesellschaft
Nur einer tanzt aus der Reihe. An der Marientormauer steht ein Turm, der zu glatt und zu hell ist, um ihm eine Verwandtschaft zu seinen mittelalterlichen Nachbarn nachsagen zu können. Kein Wunder, denn dieser Turm mit dem seltsamen Namen „Blaues G“ ist noch keine zwei Jahre alt. Er wurde im Zuge der Sanierung des nördlichen Marientorzwingers ab 2021 originalgetreu wiederaufgebaut, nachdem sein Vorgänger bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg bis auf den Rumpf zerstört worden war.
Nürnberger Ordnungsliebe
Der Name dieses Turms ist kein Zufallsprodukt, sondern ein Relikt mittelalterlicher Bürokratie. Er setzt sich aus einer Farbe und dem siebten Buchstaben unseres Alphabetes zusammen. Das Ergebnis – das Blaue G – klingt wie eine geheimnisvolle Chiffre, hat aber (sorry!) einen simplen historischen Hintergrund: Um bei der Vielzahl von Stadtmauertürmen den Überblick zu behalten, erfand die Nürnberger Stadtverwaltung im 15. Jahrhundert eine Kombination aus Farben und Buchstaben, mit der sich jeder der damals etwa 200 Türme eindeutig identifizieren ließ. Ein ähnliches Ordnungsprinzip kam auch an anderen Orten in der Stadt zum Tragen: Die „ABC-Brücke“ (heute Karlsbrücke) verdankte ihren Namen etwa den alphabetisch sortierten Marktständen, die den Pegnitzübergang beidseitig säumten.
Wehrturm, Wohnraum, Küche
Wenn das Blaue G nicht gerade seiner militärischen Bestimmung folgte und als Wehrturm diente, war der Turm unter anderem ein Zuhause. Ähnlich wie im Henkerhaus, wo der reichsstädtische Scharfrichter mit seiner Familie untergebracht war, wohnte hier etwa ein Angestellter des Weizenbräuamtes, das für die städtische Weizenbierproduktion verantwortlich war. Wie bei den meisten Gebäuden mit langer Geschichte wechselte die Nutzung mehrfach. Als Mitte des 19. Jahrhunderts am Marientorzwinger eine Gaststätte eröffnet wurde, zog eine Küche ein und der Turm erhielt einen Schornstein. Das Blaue G wurde zum Arbeitsplatz.
Rund um das Blaue G
Hinter der Kombination aus Farbe und Buchstabe verbirgt sich also nicht nur ein spannendes Kapitel Nürnberger Verwaltungsgeschichte. Wenn Ihr noch mehr über diesen Sonderling unter den Stadtmauertürmen und seinen Vorgänger erfahren möchtet, schnappt Euch ein Ticket für unseren Rundgang „Rund um das Blaue G“, der noch bis Ende Oktober im öffentlichen Programm zu finden und für Gruppen buchbar ist. Neben dem Turm selbst hat auch sein Umfeld einiges zu bieten: Wir erkunden unter anderem die Überreste der historischen Stadtmauer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, die eindrucksvolle Katharinenruine und das legendäre Multiplex-Kino Cinecittà auf dem Gewerbemuseumsplatz, das seit mehr als einer Generation Nürnberger Filmfans unterhält.
Termine: Samstag um 14.00 Uhr am 5.9. / 19.9. / 3.10. / 17.10. / 31.10.
Dauer: 90 Minuten
Treffpunkt: Katharinengasse/Ecke Marientormauer
Alle Infos zu unserem neuen Lernort Stadtmauer findet Ihr hier.
Bild: Blick auf das Blaue G an der Marientormauer (2026), Geschichte Für Alle

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