Aktuelle und spannende Beiträge:


Die Geschichte des Nürnberger Altstadtrings

| Beitrag vom 11. August 2020, von Philipp Bayerschmidt

Ein schöner Blick in die Vergangenheit: der Vestnertorgraben um das Jahr 1907. Die heutige Straße „Vestnertorgraben“ ist Teil des Nürnberger Altstadtrings, der sich einmal um die gesamte Stadtmauer zieht. Ende des 19. Jahrhunderts entsprach es in ganz Europa dem Zeitgeist, die alten Stadtmauern abzureisen, um Platz für den Verkehr und die Stadtentwicklung zu schaffen. Vorbilder hierfür waren das neugestaltete Paris sowie die Wiener Ringstraße.

Nach der Auflösung der Festungseigenschaft, wollte man in Nürnberg die Stadtmauer zum Abriss freigeben. Man sah in ihr weniger ein historisches Denkmal, als vielmehr ein Verkehrshindernis. Zwischen 1868 und 1876 erteilte man den Abriss der Mauer am Sterntor, am Laufer Tor sowie großer Teile der Stadtbefestigung. Demnach sollten am Ende nur die vier runden Tortürme sowie die Mauer zwischen Tiergärtnertor und der Kaiserburg erhalten bleiben. Der Stadtgraben hätte aufgeschüttet werden sollen.

Der Bleistiftfabrikant Lothar von Faber präsentierte 1879 in seiner Denkschrift „Die Zukunft Nürnbergs“ eine ähnliche radikale Lösung. Auf den ehemaligen Befestigungsanlagen sollten Kultureinrichtungen, Theater und Schulen, aber auch weitere Plätze, Brunnen und Monumente entstehen. 

Verhindert wurden diesen Vorhaben nicht von den Nürnbergern. Der Münchener Altertumsverein setzte sich mit Unterstützung des bayerischen Königs Ludwig II. für den Erhalt der Mauer ein. Ein königlicher Erlass verfügte, dass eine Änderung an den Stadtmauern von höchster Stelle genehmigt werden musste. 1890 fand in der Nürnberger Stadtverwaltung ein Umdenken statt, und es setzte sich eine zunehmend positive Bewertung der Stadtmauern als historisches Denkmal durch. 

Zwar wurden manche Einbauten in die Mauer, wie die Musikschule am Hallertor, die Kunsthalle oder Künstlerhaus gebaut, jedoch ging man nun behutsamer vor und verwarf die Idee eines Komplettabrisses. Für einige Mauerpartien, wie etwa jene am Gewerbemuseumsplatz, kam dieser Sinneswandel jedoch zu spät. 

Da der Stadtgraben erhalten blieb, setzen sich die heutigen Bezeichnungen der Straßenzüge des Altstadtrings nach den jeweiligen Stadtmauerabschnitten in Verbindung mit dem Wort „Graben“ zusammen.

Fotografie: Vestnertorgraben 1907, Sammlung Sebastian Gulden.

Gunter Demnig zur Stolpersteinverlegung in Nürnberg

| Beitrag vom 20. Juli 2020, von Dr. Pascal Metzger

Auch in diesem Jahr kam der Bildhauer Gunter Demnig nach Nürnberg, um Stolpersteine zu verlegen. Das Kunstprojekt der Stolpersteine rief er im Jahr 1992 ins Leben. Mittlerweile erinnern über 77.000 der kleinen Messingtafeln in 24 Ländern Europas an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Frei von jeglichem Pathos erinnern sie an eine Person an deren letztem freigewählten Wohnsitz. Sie sprechen zu jedem, der sie wahrnimmt, ganz einfache Worte: Die Verfolgung begann hier, jeder konnte es wissen.

Die ersten Stolpersteine in Nürnberg wurden 2004 verlegt. Seit 2018 fungiert Geschichte Für Alle e.V. als Gunter Demnigs lokaler Ansprechpartner, um Anfragen zu bündeln, Opferbiografien zu recherchieren und die Verlegung der Steine vor Ort zu koordinieren. In der Stadt gab es bis vor kurzem 92 Stolpersteine, am 16. Juli 2020 verlegte Gunter Demnig 19 weitere.

Den Anstoß zur diesjährigen Verlegung gaben in den meisten Fällen Nachfahren der Opfer, die ihren Angehörigen auf diese Weise ein Andenken bewahren wollen. Zur Verlegung reisten einige der Nachfahren aus dem europäischen Ausland an. Ursprünglich planten auch Familien aus den USA für die Verlegung nach Nürnberg zu kommen, was ihnen aufgrund der aktuellen Umstände, die das Corona-Virus verursacht, aber nicht möglich war.

Unter den Opfern, derer nun mit einem Stolperstein gedacht wird, befindet sich der damals 64-jährige Kaufmann Simon Löb. Er wurde in der sogenannten Reichskristallnacht von SA-Männern in seiner Wohnung in der Pirckheimerstraße totgetreten. Seine Frau Emilie konnte nach Frankreich fliehen und überlebte dort. Die beiden erwachsenen Söhne Fritz und Rudolf wurden in das Vernichtungslager Majdanek deportiert und ermordet.

Eine Nürnberger Schulklasse recherchierte die Geschichte der Geschwister Else und Siegfried Blumenthal, die wie viele andere jüdische Nürnberger 1942 nach Izbica deportiert wurden, wo sich ihre Spur verliert.

Die Presse begleitete diese Verlegung. Das Franken Fernsehen hat einen Beitrag hierzu gedreht und auch in der Frankenschau im BR ist ein kurzer Bericht (ab 19:36) zu sehen.

 


Nürnberg und die Reichskleinodien

| Beitrag vom 24. Juni 2020, von Andreas Krätzer

Das Heilig-Geist-Spital war im Mittelalter und der Frühen Neuzeit nicht allein Stätte der Krankenpflege und des religiösen Lebens, sondern gewann auch weit über die Stadt hinaus politische Bedeutung: Dreieinhalb Jahrhunderte (1424–1796), diente das Spital als Aufbewahrungsort der Reichskleinodien und damit des wichtigsten Schatzes des Heiligen Römischen Reichs. 

Die Reichskleinodien wurden im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein als weltliche, symbolische Herrschaftsinsignien betrachtet. Sie hatten vor allem eine enorme symbolische Bedeutung: Die Vormoderne war eine Zeit, in der viele Menschen nicht Lesen und Schreiben konnten, weshalb noch mehr als heute auf symbolische Kommunikation gesetzt wurde. In der mittelalterlichen Auffassung konnte nur derjenige nach der Wahl zum Herrscher werden, der am richtigen Ort mit den richtigen Herrschaftszeichen gekrönt wurde. Für die Menschen waren also die Reichskleinodien die Verdinglichung des Reiches.

Die 31 Stücke der Reichskleinodien teilen sich auf in die Nürnberger (28 Teile) und die Aachener (3 Teile) Kleinodien und stellen den einzigen mittelalterlichen Kronschatz dar, der bis heute nahezu unverändert erhalten ist. Diese bestanden aus den Krönungsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches (Schwert Karls des Großen, Kaiserkrone Ottos des Großen, Zepter, Reichsapfel, Krönungsgürtel...) und verschiedenen Reliquien (Rock Johannes’ des Evangelisten, Zahn Johannes’ des Täufers, ein Stück der Krippe von Bethlehem, ein Span vom Kreuz Christi und die heilige Lanze).

Die Nürnberger Kleinodien verdanken ihren Namen der Tatsache, dass sie von 1424 bis 1796 in der Kapelle des Nürnberger Heilig-Geist-Spitals aufbewahrt wurden. Nach diversen Aufenthaltsorten entschied sich König Sigmund 1424, die Reichskleinodien für „ewige Zeit“ in Nürnberg zu verwahren.

Die Reichskleinodien fanden ihren Platz in zwei voneinander getrennten Verwahrorten im Heilig-Geist Spital: Die Reichsinsignien (Krone, Reichsapfel, Schwerter etc.) und der Reichsornat (Krönungsmantel, etc.) wurden in einem Gewölbe oberhalb der Sakristei der Kirche in einem Wandschrank deponiert. Die Reichsreliquien wurden im so genannten Heiltumsschrein verwahrt, welcher unter dem Chorgewölbe herabhing. Man wollte den Gläubigen die Präsenz der Reliquien nahe am Altar zeigen – somit waren sie für alle sichtbar und zugleich sicher vor Diebstahl.

Von 1424 bis 1524 wurden die Reichskleinodien und Reichsreliquien einmal im Jahr, am zweiten Freitag nach Ostern zum Fest der Hl. Lanze, auf dem Hauptmarkt dem Volk präsentiert. Für die so genannten Heiltumsweisungen wurde gegenüber der Frauenkirche vor dem Schopperschen Haus (wurde im Krieg zerstört / Hauptmarkt 15) der Heiltumsstuhl aufgebaut. Dies war eine etwa sieben Meter hohe und dreigeschossige hölzerne Konstruktion, von der die Heiltümer „gewiesen“ wurden. An dieses „Event“ schloss sich eine florierende 14-tägige Handelsmesse an. Hier konnten unter anderem Erinnerungsstückegekauft werden. Das waren Pilgerzeichen, Heiltumsbüchlein oder Holzschnitte mit den Abbildungen einzelner Heiltümer. Seitdem die Reichsstadt Nürnberg im Jahre 1525 der Lehre Luthers anhing, betrachtete man die Reliquienverehrung als Abgötterei. Daher wurden die Heiltumsweisungen eingestellt. Die Handelsmesse blieb in der Form des Ostermarktes bis in die heutige Zeit erhalten. Somit ist der Ostermarkt der älteste Markt in Nürnberg.

Erst im 18. Jahrhundert verließen die Reichskleinodien Nürnberg. Aus Furcht vor den herannahenden französischen Revolutionstruppen brachte man den Schatz zuerst nach Regensburg und später nach Wien, wo er bis heute ist. Von der langen Aufbewahrungsdauer des Kronschatzes in Nürnberg leiteten viele Nürnberger*innen ein gewohnheitsmäßiges Eigentumsrecht der Stadt Nürnberg an den Reichskleinodien ab. Dies zeigt sich zum einen an der Tatsache, dass viele – auch prominente – Nürnberger*innen im 19. Jahrhundert immer wieder eine Rückgabe der Reichskleinodien forderten und zum anderen an dem Beinamen „Des Deutschen Reiches Schatzkästlein“, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts für Nürnberg entwickelte.

Diesen Mythos wollten sich auch die Nationalsozialisten zu Nutze machen. Der nationalsozialistische Oberbürgermeister Willy Liebel wollte die Reichskleinodien zurück nach Nürnberg holen und betrachtete dies gar als eine seiner wichtigsten Aufgaben. So kamen die Reichskleinodien zwischen 1938 und 1946 noch einmal zurück nach Nürnberg.

Heute erinnert an die Zeit der Verwahrung der Reichskleinodien in der Spitalkirche, neben dem originalen Heiltumsschrein im Germanischen Nationalmuseum und den Nachbildungen von Krone, Szepter und Reichapfel – aufbewahrt zuerst im Rathaus und heute im Stadtmuseum im Fembo-Haus – die von Reinhard Eiber modellierte Bronzetafel an der westlichen Außenwand der ehemaligen Kirche.


Alles neu macht Corona? Neustart der öffentlichen Stadtführungen

| Beitrag vom 04. Juni 2020, von Magdalena Prechsl

Als am 1. Juni die erste Gruppe von einer Rundgangsleiterin unseres Vereins über den Johannisfriedhof geführt wurde, lag die letzte Stadtführung von Geschichte Für Alle exakt 77 Tage zurück. Eine derart lange Zeit ohne personelle Geschichtsvermittlung „vor Ort“ gab es in den 35 Jahren seit der Vereinsgründung noch nie. So hatte es zum Beispiel im gesamten Jahr 2019 lediglich zwei Tage ohne Stadtführungen gegeben.

Für die Saison 2020 hatten wir viele Pläne: Zahlreiche neue Rundgangsleitungen haben im Frühjahr ihre Ausbildung absolviert, neue Rundgangs- und Vermittlungskonzepte waren in Arbeit und insbesondere bei den Führungen für Flusskreuzfahrtgäste aus dem englischsprachigen Ausland erwarteten wir in Nürnberg und Bamberg erneut ein sehr hohes Aufkommen. Viele Planungen, Ideen und Erwartungen wurden von der Pandemie und ihren Folgen zunichte gemacht: Statt bis zu 100 Führungen an einem Julitag zu jonglieren, sind unsere Mitarbeiter*innen in der Buchungsabteilung in Kurzarbeit. Viele unserer freiberuflichen Rundgangsleitungen haben mit Existenzsorgen zu kämpfen. Plötzlich war unser einziges Ziel, unseren Verein und damit eine der größten gemeinnützigen Organisationen für historische Bildungsarbeit in Deutschland, zukunftssichernd durch die Krise zu bringen.

Seit Beginn des Lockdowns haben wir uns darauf vorbereitet, wieder mit unseren Führungen loslegen zu können. Lange Zeit war unklar, wie Stadtführungen in Zeiten von Corona aussehen würden. Wir haben also erneut geplant, Pläne verworfen und wieder von vorne mit dem Planen begonnen. In diesem Prozess war wenig so klar, wie dass uns das Abstandsgebot noch sehr lange begleiten wird. Öffentliche Führungen, bei denen alle Interessierten, die zum Treffpunkt kommen, an der Führung teilnehmen können – seien es 2 oder 40 Personen – würden nicht mehr möglich sein.

Die einzige Möglichkeit, die Teilnahmezahl bei öffentlichen Führungen steuern zu können, sahen wir in der Einrichtung eines Kartenvorverkaufs. Und an diesem Punkt trafen unsere alten Pläne für die Saison mit den Herausforderungen der neuen Situation passend zusammen: Unser größtes Jahresziel, die Einrichtung eines eigenen Webshops auf unserer Webseite, mussten wir nun unter Hochdruck umsetzen. Das hat viele Vorteile für Sie als Geschichtsinteressierte: Es ist damit nun nämlich bequem möglich, sich im Vorfeld einer Stadtführung eines der limitierten Einzeltickets zu sichern und auch die Buchung für eine private Gruppe lässt sich nun schnell und einfach online abwickeln.

Wir haben bei der Einrichtung des Webshops darauf geachtet, Ihnen so viel Spontanität wie irgendwie möglich zu erhalten, sodass Tickets bis 1 Minute vor Beginn der gewählten öffentlichen Führung (sofern noch Plätze frei sind) erworben werden können. Zum Schutz unserer Rundgangsleitungen und um die Kontaktnachverfolgbarkeit sicherzustellen, ist damit bis auf weiteres keine Barzahlung bei der Rundgangsleitung mehr möglich.

Neben dieser wohl größten Neuerung spiegeln sich ansonsten bei unseren Führungen die allgemeingültigen Präventionsmaßnahmen wider: Personen, die nicht dem gleichen Hausstand angehören, müssen mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander einhalten. Durch die maximale Gruppengröße von 15 Personen lässt sich dieser einfach einhalten. Eine Mund-Nasen-Bedeckung muss im Freien nicht getragen werden, nur wenn ein geschlossener Raum im Rahmen der Führung betreten wird, ist diese verpflichtend. Genauere Informationen zu unserem Hygienekonzept finden Sie hier.

Wir freuen uns sehr, wieder mit Ihnen in Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bamberg auf Spurensuchen zur Stadtgeschichte zu gehen. Es gibt viel zu entdecken.

 


Freie Bildung und ihre Träger in existenzieller Gefahr

| Beitrag vom 28. Mai 2020, von Wolf Hergert

Trotz der anstehenden Lockerungen bleibt die Situation für Geschichte Für Alle e.V. wie auch für viele andere freie Bildungsträger äußerst angespannt und unsicher. Insbesondere die freien Mitarbeiter*innen, die den größten Teil der Bildungsarbeit stemmen, wurden von den staatlichen Corona-Hilfen bis dato kaum bedacht. Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, hat der Vorstand unseres Vereins einen offenen Brief an Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder verfasst, der von zahlreichen Bildungsträgern der Metropolregion Nürnberg unterzeichnet wurde. Den Brief im Wortlaut finden Sie hier.


Historische und lokale Rezeptideen zum Nachkochen

| Beitrag vom 19. Mai 2020, von Kathrin Lehnerer

Da unsere kulinarischen Führungen in Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bamberg momentan nicht stattfinden können, wollen wir Ihnen auf diesem Weg unsere Rezeptkarten mit lokalen Rezepten zum Nachkochen ans Herz legen. Wir wünschen viel Erfolg und ein besonderes Geschmackserlebnis.

  • REZEPT RAIFIOLLA aus der Führung "Rotes Bier und blaue Zipfel - Ein kulinarischer Spaziergang"

75 Jahre „Tag der Befreiung“

| Beitrag vom 8. Mai 2020, von Philipp Bayerschmidt

Heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht die nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg in Europa. Jährlich erinnert der Gedenktag an die tiefe Zäsur von 1945 und an den damit verbundenen Neuanfang. Die bedingungslose Kapitulation wurde am 7. Mai im Hauptquartier der Alliierten im französischen Reims von Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnet und trat am folgenden Tag in Kraft. Am 9. Mai unterzeichnete unter anderem Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im sowjetischen Hauptquartiert in Berlin-Karlshorst die dortige bedingungslose Kapitulation. Bis heute wird der „Tag der Befreiung“ in zahlreichen europäischen Ländern als Gedenktag begangen.

Nürnberg wurde bereits am 20. bzw. am 22. April 1945 von den US-Streitkräften erobert. Die Eroberung war für die Alliierten vor allem ein wichtiger symbolträchtiger Sieg. „Die Stadt der Reichsparteitage“ war für Adolf Hitler und für die Nationalsozialisten ein Zentrum der NS-Ideologie und der NS-Propaganda. Neben den Reichsparteitagen, die zwischen 1933 und 1938 auf dem eigens hierfür errichteten Reichsparteitagsgelände stattfanden, wurden hier 1935 die Rassegesetze verabschiedet.

Am 16. April erreichten amerikanische Panzerverbände den Osten Nürnbergs und eroberten die Stadt am 22. April 1945. Eine erste Siegesfeier wurde am 20. April 1945 auf dem Hauptmarkt (in der NS-Zeit „Adolf-Hitler-Platz“) als „Flag Raise Ceremony“ durchgeführt. Zu Hitlers Geburtstag am 20. April wollte man mit der Einnahme Nürnbergs einen symbolischen „Geburtstagsgruß“ senden. In der Südstadt wurde zu dem Zeitpunkt noch gekämpft, bevor auch hier die Waffen am 22. April niedergelegt wurden. Die offizielle Siegesfeier fand dann am 22. April auf dem Zeppelinfeld statt und endete mit der Sprengung des Hakenkreuzes auf dem Zentralbau der Zeppelintribüne.

Der Schweizer Sender SRF hat zu dem Thema einen spannenden Beitrag produziert. Unsere langjährige Rundgangsleiterin Nina Lutz führt hierbei als Historikerin durch die Geschichte Nürnbergs.

Abb.: Siegesparade US-Army auf der Hauptmarkt, 1945, Stadtarchiv Nürnberg


Geschichtsvermittlung in der Krise: Was bedeutet Corona für Geschichte Für Alle e.V.?

| Beitrag vom 8. Mai 2020, von Magdalena Prechsl

An einem schönen Sonntag im Herbst letzten Jahres staunten die Bewohner*innen der Wohnsiedlung Rangierbahnhof nicht schlecht, als sich ein Zug von 135 Personen durch die Straßen bewegte. Handelte es sich dabei um eine Demonstration im sonst eher gediegenen Wohnviertel? Nein, die vielen Menschen waren gekommen, um sich bei einem Stadtteilrundgang unseres Vereins mit der Geschichte der gartenstädtischen Siedlung zu beschäftigen. Für den von dem Ansturm durchaus überraschten Rundgangsleiter war es nicht nur eine stimmliche Höchstleistung, der riesigen Gruppe spannende Einblicke in die Vergangenheit zu ermöglichen.

Doch viel größer sind die Herausforderungen, denen wir als Verein und in erster Linie als begeisterte Geschichtsvermittler*innen nun ausgesetzt sind. Einen stärkeren Kontrast zu der geschilderten Situation im Herbst könnte es fast nicht geben: Seit Mitte März ist das Durchführen von Stadtführungen untersagt. Die Museen, in denen wir sonst als pädagogischer Partner Workshops und Führungen anbieten, haben geschlossen. Die Absolutheit, mit der die Corona-Pandemie die Möglichkeiten der unmittelbaren, personellen Geschichtsvermittlung unterbunden hat, trifft uns hart.
Unsere Arbeit lebt davon, Menschen jeden Alters – egal ob alteingesessen oder nur für wenige Stunden zu Besuch in der Stadt – ebenso fundiert wie auch unterhaltsam Zugänge zur Geschichte zu ermöglichen. Dabei sind wir überzeugt, dass der beste Weg für einen kritischen Umgang mit der (eigenen) Vergangenheit die selbsttätige Auseinandersetzung mit ihren Zeugnissen ist. Wir wollen den Menschen durch Gespräche mit unseren Expert*innen ermöglichen, sich die Stadt anzueignen und im Stadtbild mehr zu sehen, als Gebäude und Plätze.

Auch wenn digitale Angebote wie auch das altbewährte Buch hierfür in der gegenwärtigen Situation gute Ausweichmöglichkeiten bieten, so sind alle Medien nicht in der Lage, die gewaltigen Potentiale der personellen Vermittlung bei Stadtführungen zu ersetzen.
Für uns bedeutet die Corona-Krise also gerade in erster Linie viel Geduld zu haben und dabei nicht im Stillstand zu verharren, sondern unsere Konzepte konsequent weiterzuentwickeln. Wir wollen, dass auch in Zukunft ein wichtiger Teil des kulturellen Lebens in Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bamberg die Beschäftigung mit Stadtgeschichte „auf der Straße“ ist. Kurzum: Wir freuen uns sehr auf den Zeitpunkt, zu dem wir wieder Führungen anbieten können.

Magdalena Prechsl sprach in einem Interview mit Franken Fernsehen über die aktuelle Lage bei Geschichte Für Alle e.V.


Die Geschichte des 1. Mai als "Tag der Arbeit"

| Beitrag vom 1. Mai 2020, von Philipp Bayerschmidt

Nürnberg entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur größten Industriestadt Süddeutschlands und wurde so eine Hochburg der Arbeiterbewegung in Bayern. Die Arbeiterkultur zeigte sich in zahlreichen Vereinen, Festen und Zeitschriften und prägte das Leben in der Stadt. Der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ und damit verbunden der Kampf für die Rechte der Arbeiter*innen war und ist ein wichtiges Thema in Nürnberg.

Der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ hat eine lange Tradition und geht auf eine Demonstration in den USA zurück. Dort war der 1. Mai der Stichtag, an dem viele Arbeitsverträge ausliefen oder neu geschlossen wurden. 1886 demonstrierten über 400.000 Arbeiter*innen in den USA am 1. Mai in mehreren Städten friedlich für die Einführung des Acht-Stunden Tages. Zwei Tage später kam es jedoch bei den anhaltenden Demonstrationen zu einem einem Zwischenfall, bei dem mehrere Streikposten von der Polizei erschossen wurden. Dadurch heizte sich die Stimmung immer weiter auf und während einer Kundgebung gegen das brutale Vorgehen der Ordnungskräfte am 4. Mai auf dem Haymarket in Chicago, mit rund 1000 Arbeiter*innen, eskalierte die Situation erneut. Sieben Polizisten und vermutlich vier Demonstranten kamen durch eine Explosion und eine anschließende Schießerei ums Leben. Die Vorfälle in den USA fanden in der internationalen Arbeiterschaft starken Wiederhall.

Während des zweiten Internationalen Arbeiterkongresses 1889 in Paris beschlossen die sozialistischen Gewerkschaften und Parteien eine große internationale Demonstration am 1. Mai 1890 zu begehen. Hiermit wollte man den Opfern des Haymarket-Massakers gedenken und für die Einführung des Acht-Stunden Tages sowie für die Rechte der Arbeiter*innen demonstrieren.

Im Kaiserreich beschloss die SPD 1889 zwar den 1. Mai als Feiertag der Arbeit zu begehen, allerdings sprach man sich gegen einen allgemeinen Streik aus. In den folgenden Jahren etablierte sich der Tag als Festtag der Arbeiterbewegung, wurde aber erst 1919 von der Weimarer Nationalversammlung einmalig zum gesetzlichen Feiertag bestimmt; und zwar nur für das Jahr 1919. Unter der Herrschaft der NSDAP wurde der 1. Mai ab 1933 in Deutschland als gesetzlicher Feiertag eingeführt, mit dem Ziel, ihn als Propagandamittel zu instrumentalisieren und so die Arbeiterbewegung für die nationalsozialistische Idee zu gewinnen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der 1. Mai 1946 durch den Alliierten Kontrollrat als Feiertag bestätig und danach sowohl in der BRD als auch der DDR begangen. Bis heute ist der 1. Mai nicht nur in Deutschland, sondern in zahlreichen Ländern ein gesetzlicher Feiertag.

 

Abb.: Kanalarbeiten an der Ziegelsteinstraße, Fotografie 1919, Siedlungswerk Nürnberg GmbH


 

Pest oder Cholera? Katastrophen in der Geschichte Nürnbergs

| Beitrag vom 30. April 2020, von Dr. Ruth Papadopoulos

Ein Ort, um Geschichte hautnah zu erleben, ist der Nürnberger Egidienberg: Dort zeugt die barocke Kirchenfassade vom Großbrand des alten Schottenklosters, die in eine Wand eingemauerte Kanonenkugel nebst Inschrift erinnert an den Zweiten Markgrafenkrieg und die Einschusslöcher am Kaiser Wilhelm-Denkmal stammen aus dem Häuserkampf in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren.

Neben Brand, Kriegen und auch Hochwasser waren es vor allem Epidemien, die der Stadt im Laufe der Jahrhunderte zusetzten. Allen voran die Große Pest, die seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Stadt immer wieder heimsuchte. Auch hierfür findet sich ein Zeugnis am Egidienberg: Ein kläglicher Ruinenrest neben dem Pellerhaus zeugt noch von dem stattlichen „Peststadel“, der sich früher hier befand. Das mächtige Gebäude, 1481 als  Kornspeicher gebaut, diente zum Unterstellen der Karren, auf denen die Pesttoten hinaus auf den Friedhof transportiert wurden.

Die Einwohner Nürnbergs hatten großen Epidemien an medizinischen Mitteln nichts entgegenzusetzen: Man wusste weder, was die Krankheiten verursachte, noch hatte man Medikamente, um sie zu behandeln. Bis ins späte 19. Jahrhundert waren die Behandlungsmöglichkeiten auf diätetische Maßnahmen, Urinbeschau oder Aderlass beschränkt. Wer es sich leisten konnte, floh aus der Stadt.

Umso wichtiger waren die Maßnahmen, die der Rat ergriff, um die Seuchen einzudämmen. Seit 1518 war es nicht mehr erlaubt, Tote innerhalb der Stadtmauern zu bestatten: Neben dem Johannisfriedhof, bereits im späten 14. Jahrhundert zum Pestfriedhof erweitert, entstand nun der Rochusfriedhof für die Toten der Lorenzer Stadtseite. Am Pegnitzufer außerhalb der Mauern stiftete die Patrizierfamilie Topler das Sebastiansspital als erstes Pesthaus in Deutschland, fertiggestellt 1528.  All dies konnte nicht verhindern, dass es 1633/34 zur schlimmsten Epidemie der Nürnberger Geschichte kam: Mitten im 30jährigen Krieg, als sich Einheimische, Soldaten und Flüchtlinge innerhalb der engen Mauern drängten, verstarb die Hälfte der Einwohner an der Pest, die Rede ist von 20.000 Toten. Von diesem Bevölkerungsverlust hat sich die Stadt bis zur Industrialisierung nicht mehr erholt.

Eine Seuche, die im 19. Jahrhundert erheblichen Einfluss auf die Stadtentwicklung hatte, war die Cholera. Da das Nürnberger Trinkwasser hauptsächlich aus dem Grundwasser bezogen wurde und die Abwasserentsorgung mittels Sickergruben unzureichend war, kam es immer wieder zu kleineren Ausbrüchen. 1854 war die allgemeine Mobilität der Bevölkerung bereits so groß, dass sich die Cholera sehr schnell verbreiten konnte. Nach einem Ausbruch in München erreichte die Krankheit wenig später Nürnberg, unter anderen durch den Industriellen Johann Wilhelm Spaeth, der einer der ersten von 300 Choleratoten (bei 600 Erkrankten) war, damit war man glimpflich davongekommen. Auch hier ergriff die Stadt schnell Maßnahmen, da man eine Einschränkung der Aktivitäten in Verkehr und Handel fürchtete. Eher unwirksam war das Verbot von Jahrmärkten (wegen der Menschenansammlungen) und längeren abendlichen Biergartenbesuchen (wegen der Unterkühlung). Auf lange Frist waren dagegen kommunale Maßnahmen zur besseren Wasserversorgung und -entsorgung von entscheidender Bedeutung.

Mit dem Anwachsen zur Industriestadt hatte Nürnberg weitere Epidemien zu überstehen. Eine der schlimmsten traf die Stadt am Ende des Ersten Weltkriegs, als die Bevölkerung ohnehin mangelhaft ernährt und medizinisch schlecht versorgt war. Ein erster Ausbruch der sogenannten "Spanischen Grippe“ im Sommer 1918 verlief relativ milde. Im Herbst des Jahres kehrte die Krankheit jedoch zurück. Nun kam das öffentliche Leben zum Erliegen, die Schulen wurden geschlossen. Vom 12.-18. Oktober gab es rund 3.000 Neuinfektionen, Tag für Tag wurden hunderte von Influenzafällen gemeldet. Das große, erst 1897 eingeweihte Krankenhaus hatte Hochbetrieb. Besonders erschreckend war, dass gerade jüngere Menschen zwischen 20 und 40 Jahren an der Krankheit starben. Insgesamt waren etwa 20.000 Menschen erkrankt, die Zahl der Toten lag bei 1.400. Von den 94 Pflegern im städtischen Krankenhaus starben fünf Krankenschwestern und eine Pflegeschülerin, zudem erlagen noch fünf Hausangestellte der Grippe. Weltweit forderte die Grippepandemie von 1918/19 mehr Tote als der gesamten Erste Weltkrieg.

Medizinischer Fortschritt und steigender Wohlstand haben die Wahrscheinlichkeit von Epidemien bzw. – bei weltweitem Auftreten – Pandemien zwar eindämmen, aber nicht gänzlich verhindern können.  Dass im Winter 2019/20 ein neuartiges Coronavirus globale Verbreitung finden würde, hatte kaum jemand auf dem Schirm. Auch die Stadt Nürnberg ist davon betroffen – unmittelbar mit Erkrankten und Toten sowie in Bayern und Deutschland durch einen nie gekannten Stillstand des öffentlichen Lebens, der Reiseaktivitäten und der persönlichen Freiheiten, aber auch mittelbar durch die Störung von Wirtschaftsaktivitäten und das komplette Einfrieren des Tourismus. Wir erleben gerade die größte Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vielleicht ist es gut, dabei die Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren, um das heutige Geschehen besser bewerten zu können.


Entdeckertouren mit der Nürnberger Zeitung

| Beitrag vom 28. April 2020, von Bernd Windsheimer

Gemeinsam mit der Nürnberger Zeitung, machen wir uns seit vielen Jahren auf "Entdeckertour". Die inhaltlichen Beiträge zu spannenden Plätzen, Stadtteilen und historisch bedeutsamen Orten, haben unsere Historiker*innen aufgearbeitet und wurden von der Nürnberger Zeitung als Reihe publiziert. Schauen Sie doch mal rein:


Raten Sie mit und testen Sie Ihr Geschichtswissen

| Beitrag vom 08. April 2020, von Kathrin Lehnerer

Bei der beliebten Reihe "Hä? Das Straßenquiz" auf Franken Fernsehen stehen wir als Geschichtsexpert*innen regelmäßig vor der Kamera. Lust auf Mitraten?


Virtuelle Ausflüge in die Vergangenheit:

| Beitrag vom 06. April 2020, von Dr. Ruth Papadopoulos

Momentan müssen wir mit virtuellen Ausflügen vorlieb nehmen. Dabei sind wir nicht auf die nähere Umgebung beschränkt: Nürnberger Luft ist auch außerhalb der Stadtgrenze zu atmen. Ein schönes Beispiel dafür ist das Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd.

 

 


Geschichten aus dem Henkerhaus:

| Beitrag vom 01. April 2020, von Magdalena Prechsl

In der 1817 veröffentlichten „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“ macht Clemens Brentano „Meister Franz“, wie sich der berühmteste Nürnberger Henker selbst bezeichnete, zur literarischen Figur.

Dass Brentano die 1801 im Druck erschienen Memoiren von Franz Schmidt kannte, belegt nicht nur die Existenz eines Exemplars in seiner Bibliothek, sondern auch die detailgetreue Schilderung der Örtlichkeiten und der Materie: Die in der Novelle beschriebene „Scharfrichterei“, die Wohnung des Henkers, befindet sich am Rande der Stadt.

 

 

Wie auch Franz Schmidt, der als Wundarzt tätig war, wird der literarische Meister Franz wegen heilender Kräuter aufgesucht. Neben dem seit dem Sturm und Drang häufig verarbeiteten Motiv des Kindesmords thematisiert Clemens Brentano hier die volkstümliche Vorstellung, dass das Richtschwert durch ein Erzittern eine drohende Hinrichtung vorhersagt.

 

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